Photo: Marco Borggreve
„Wer Duo Ebano zum ersten Mal erlebt, wird unweigerlich beeindruckt sein von dem technisch und interpretatorisch reichen Arsenal, über das diese beiden Herren verfügen.“
— Aart van der Wal, OpusKlassiek
Duo Ebano eröffnet einen unsichtbaren Dialog mit Franz Schubert
Zehn Jahre Duo Ebano – und zum Jubiläum kein selbstzufriedener Rückblick, sondern ein Wagnis: Mit „Dear Franz“ legen Klarinettist Marco Danesi und Pianist Paolo Gorini ein Album vor, das Franz Schuberts Winterreise, den Erlkönig und die letzten Klaviersonaten mit Duduk, Toy Piano, Elektronik und Extended Piano Techniques in eine Klangwelt übersetzt, die radikal nach Gegenwart klingt und trotzdem eine Liebeserklärung an die Originale und ihren Schöpfer bleibt.
Schuberts musikalische Dichtkunst geht ans Eingemachte, heute genauso wie vor 200 Jahren. Seine Lieder erzählen von Abschieden, von Kälte und Sehnsucht, von der Suche nach einer Stimme im Schweigen – und dies mit einer Dringlichkeit, die sich nie abnutzt. Wie aber nähert man sich einem solchen Monument, ohne in die Unterwerfung unter das vermeintliche Original zu verfallen? Ohne sich der erdrückenden Übermacht unzähliger Interpretationen zu beugen, die alle vorgeben zu wissen, was Schubert gemeint hat? Danesi und Gorini antworten mit kühner ästhetischer Provokation: Sie dekonstruieren einen der größten Liedkomponisten der Musikgeschichte und fügen ihn aus einem neuen, instrumentalen Denken heraus wieder zusammen.
Paolo Gorini, der für alle sechs Neuarrangements verantwortlich zeichnet, führt drei konzeptionelle Leitbegriffe ins Feld: Klang, Harmonie und rhythmische Struktur. Innerhalb dieses Rahmens gelingt der ästhetische Spagat zwischen Wiener Romantik und dem 21. Jahrhundert verblüffend stimmig. Das Duo geht variabel zu Werke: Manche Arrangements bleiben ganz nah an der Partitur, beinahe Note für Note, während andere sich weit hinauswagen und die Fasern der Musik bis zum Äußersten dehnen – mit dem Original als klarer, aber flexibler Referenz. Ein besonderer Effekt stellt sich beim Hören ein: Die konsequente Loslösung von der Textgebundenheit lässt tastende Klänge und atmende Flächen noch unmittelbarer sprechen. Das ewige Wandern und Suchen, das ohnehin in Schuberts Tönen lebt, findet trotz aller gewagten Transformationen mit ungebrochener Dringlichkeit statt, so dass es manchmal wehtut.
Marco Danesis Klarinette wurde zum Mittler erwählt. Sie singt, wo einst Stimmen sangen, und bringt Spannung zum Ausdruck mit Flatterzunge, gellenden Schreien im hohen Register und dunklem Grollen in der Tiefe. Im Erlkönig – Goethes Horrortrip von einer nächtlichen Flucht und einem sterbenden Kind – teilt Danesi die Bassklarinette in drei Rollen: Das tiefe Register steht für den Vater, das mittlere für den Erlkönig und das hohe für das Kind. Scheppernde Tonrepetitionen, perkussive Klangerzeuger und die großen Melodien, die fast noch stärker sind als Goethes Worte – heißer Atem und heiße Tränen werden zu Klängen, die als Metaphern für widerstreitende Emotionen überzeugen.
Auch die anderen Instrumente werden zu eigenständigen Bedeutungsträgern. Beim Andante aus der Klaviersonate D 960 und dem Andantino aus D 959 mutieren zwei der einsamsten langsamen Sätze der Klavierliteratur zu einer bebenden Klangfläche. Die armenische Duduk eröffnet mit ihrem archaischen Klageton eine globale Perspektive, die weit über den europäischen Kanon hinausweist – Schuberts Einsamkeit wird zur universellen Erfahrung.
Das Toy Piano – klingend wie der Sprössling einer verstimmten Spieluhr und eines alten Glockenspiels – tritt in der dritten Variation über „Trockne Blumen“ als verstörender Gast auf. Armenische Klagetradition, digitale Klangmodulation und Wiener Romantik verschmelzen zu etwas, das keiner dieser Welten allein gehört. Mit Sopranistin Elisabeth Hetherington als Gast verankert „Der Hirt auf dem Felsen“ das Album schließlich auch in der originalen vokalen Welt – es ist der einzige Moment, in dem Text erklingt. Gerade dadurch wird spürbar, wie viel die instrumentalen Erzählungen bereits zu sagen hatten. Fazit: Diese durch und durch neugedachte Schubert-Erfahrung entreißt der Romantik alles Bildungsbürgerliche – und gibt dafür einen neuen zeitgemäßen Coolnessfaktor hinein.
DUO EBANO
Marco Danesi und Paolo Gorini gründeten Duo Ebano 2016 in Amsterdam. Das Repertoire reicht von Brahms und Schumann bis zu Auftragswerken, eigenen Arrangements und Projekten mit Elektronik. Genregrenzen sind kaum von Bedeutung, die Programme greifen regelmäßig weit über den klassischen Kanon hinaus. Diese furchtlose Verbindung von klassischem Repertoire und klanglicher Experimentierlust lebte bereits im Debütalbum „Blackbird (R)evolution“.
Seit der Gründung hat das Duo mehrere wichtige Auszeichnungen erhalten: den Storioni Toonzaal Preis (2017), den ersten Preis ex aequo beim Salieri-Zinetti Kammermusikwettbewerb in Verona (2018) und den zweiten Preis beim Kammermusikwettbewerb Liège (2018). 2019 wurde Duo Ebano für die Dutch Classical Talent Tour 2019/2020 ausgewählt – ein Schlüsselmoment in der internationalen Entwicklung. Das Duo trat bei Festivals und Veranstaltungsorten auf, darunter das New York Chamber Music Festival, die Salle Cortot in Paris, das Muziekgebouw aan ‚t IJ in Amsterdam, Gaudeamus, November Music und Milano Musica.
Duo Ebano
DEAR FRANZ
Marco Danesi, Klarinetten
Paolo Gorini, Keyboards & Elektronik
Gast: Elisabeth Hetherington, Sopran
Arrangements: Paolo Gorini
Gute Nacht (aus Winterreise, D 911)
Introduction, Theme and Variations on „Trockne Blumen” (D 802)
Der Hirt auf dem Felsen (D 965)
Piano Sonata D 960: Andante / Piano Sonata D 959: Andantino
Erlkönig (D 328)
Der Leiermann (aus Winterreise, D 911)
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