Albena Petrovic – ESCAPES

Music for Piano Duo
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Photo: Paulo Lobo

„In jedem Stück muss jede Note ihren Zweck haben.“

Albena Petrovic im Interview mit Jürgen Pathy, Klassik begeistert

Romain Nosbaum & Florin Mantale, Klavier

Fünf Werke, zwei Flügel, eine konsequente kompositorische Handschrift: Albena Petrovics monografisches Album „Escapes“ lässt staunen, was für eine Welt in scheinbar wenig Material drinstecken kann. Das neu formierte Pianistenduo Romain Nosbaum und Florin Mantale hat es im September 2025 in der Philharmonie Luxembourg als erste gemeinsame Aufnahme eingespielt.

Oft braucht die luxemburgische Komponistin Albena Petrovic kaum mehr als eine Handvoll Töne, die etwas in Gang setzen, was über Minuten trägt. Wenn die Komponistin den Klangraum für zwei Flügel öffnet, geht dies über bloße Verdoppelung weit hinaus. Dann entsteht ein Wechselspiel aus Dialog und Echo, aus Näherung und Distanz. Nicht selten wird dabei der eine Pianist zur Echokammer des anderen.

Romain Nosbaum, der Petrovics Klaviermusik seit Jahren wie kaum ein anderer verinnerlicht hat, braucht als Weggefährte kaum noch vorgestellt zu werden. Neben ihm debütiert auf dieser Aufnahme Florin Mantale. Die Verbindung funktioniert auf Anhieb: Mantales leuchtende Innerlichkeit und seine feinsinnige Artikulation ergänzen Nosbaums introspektive Intensität, ohne sie zu spiegeln.

Alle fünf Kompositionen haben bereits eine längere Vorgeschichte in Albena Petrovics Biografie. Durch die Lesart der beiden Interpreten entsteht auf diesem Album aber ein neuer Spannungsbogen, der weit über eine retrospektive Werkschau hinausgeht:

Gleich im Concerto for Two Pianos – 2019 als Konzert für Klavier und Orchester entstanden, erst pandemiebedingt zur Duo-Fassung umgearbeitet – lebt eine motorisch „getriebene“ Dramaturgie bei zugleich offener Struktur. Dissonanzen wirken in Petrovics kompositorischem Denken oft wie Konsonanzen. Vor allem Septimen, Tritoni und Sekunden gehören zum Lieblingsmaterial, damit es gemäß der eigenen Definition „schön“ klingt. Das tut es – für alle, die den Mut haben, das Attribut „schön“ aus seinen bürgerlichen Fesseln zu befreien.

In Sand of Oblivion stehen zwei Töne als Keimzelle. Wie werden diese miteinander reagieren im Spiel der beiden Pianisten? Sand ist für Petrovic ein Symbol der Zeit: Sie rieselt dahin und lässt vieles in Vergessenheit versinken. Aber vorher verschafft sich die Musik Gehör, mit tibetischen Klangschalen, Tamburinen, Rainstick, perkussiven Gesten auf dem Pianokorpus und verbalen Ausrufen der Interpreten.

The Invisible Window – ursprünglich 2017 als Duett für Klavier und Harfe komponiert – kehrt den Blick ins Innere, in dem es mannigfaltig klingt: Tiefes Grollen der untersten Register trifft auf filigranes Figurenwerk. Eine feine Metallperkussion überhöht den Klavierklang. Spätestens jetzt müssen die Musiker auch in die Innereien ihrer Konzertflügel hinein – mit Glissandi auf den Saiten und Schlägen mit der flachen Hand. Hinter dem Titel verbirgt sich die Vorstellung eines magischen Fensters, das die verborgene Welt des Unterbewusstseins durchscheinen lässt.

Escapes – Fluchten – heißt das vierteilige Titelstück, 2020 im Auftrag des Duos Zala und Val Kravos für das Sofia Music Weeks Festival geschrieben. Seit die Komponistin in den 1990er-Jahren Bulgarien verließ und sich in Luxemburg neu erfinden musste, ist ihr Schaffen vom Wunsch geprägt, auf künstlerischem Weg in eine Welt aus Träumen und Fantasie einzutauchen. Die vier Stücke arbeiten mit einem raffinierten Steigerungsprinzip: Das erste ist für eine Hand geschrieben, das zweite für zwei, das dritte für drei, das letzte für vier – bis schließlich beide Interpreten gleichzeitig Klavier und Perkussion bedienen. Seit seiner Uraufführung über zwanzig Mal gespielt – unter anderem auf einer Lateinamerika-Tournee – hat sich das Stück längst im Repertoire etabliert.

Am Ende liefern zwei der insgesamt fünf Exotic Dances op. 264 eine heitere, fast unterhaltende Musik. Petrovic sieht sie in der Tradition der großen vierhändigen Tanzsammlungen, in denen sich Freunde im Zusammenspiel verbinden. Dem Duo gelingt damit ein lichter Ausklang, nachdem die Reise zuvor in hochkonzentrierter Abstraktion begann. Als wollte die Musik sagen: Auch die Flucht aus der Wirklichkeit darf irgendwann im Spielerischen ankommen.

Das Album erscheint bei Solo Musica und wurde von der Komponistin selbst produziert mit Unterstützung des luxemburgischen Kulturministeriums und der SACEM. Aufgenommen wurde im Kammermusiksaal der Philharmonie Luxembourg.

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Albena Petrovic

Albena Petrovic, geboren in Sofia, lebt seit 1996 in Luxemburg und ist seit 2013 Trägerin des Verdienstordens des Großherzogtums. Ihr Werkverzeichnis umfasst über 600 Kompositionen, darunter neun Opern; ihre Werke erscheinen unter anderem bei Schott Music International. ESCAPES ist ihr siebtes monografisches Album. Sie ist Gründerin des internationalen Kompositionswettbewerbs „Artistes en Herbe“.

Romain Nosbaum

Romain Nosbaum, ausgebildet in Basel, Bern und am Mozarteum Salzburg, spielte die gesamten Klavierwerke von Petrovic für GEGA New ein. Seine jüngsten Soloalben Saudades (ausgezeichnet mit fünf Sternen der BBC) und Reflections (ARS Produktion) wurden beide für den Opus Klassik nominiert.

Florin Mantale

Florin Mantale, ausgebildet am Conservatorium van Amsterdam bei Naum Grubert, gastierte unter anderem an der Philharmonie Luxembourg, im BOZAR Brüssel und im Rumänischen Athenäum Bukarest. Seit 2025 bildet er ein Duo mit Nosbaum; ESCAPES ist ihr erstes gemeinsames Album.

www.albena-petrovic-vratchanska.com