Constance Heller & Gerold Huber

Fantasie von übermorgen – Lieder im Exil
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Only Germany/Austria/Switzerland

„Unter Verzicht auf jegliche überzogenen Affekte lässt sie ihr wunderschönes warmes Stimmtimbre dezent blühen, ordnet sich ganz dem Wort unter und sorgt für eine unaufgeregte Textverständlichkeit. Gerold Huber ist als Partner am Flügel einmal mehr das Maß aller Dinge, wenn es um sensible und durchdachte Liedbegleitung geht.“
(DAS OPERNGLAS 2019)

„Constance Heller und Gerold Huber bereichern das Liedrepertoire.“
(Kulturspiegel, 2018)

Die Mezzosopranistin Constance Heller, geboren im Berchtesgadener Land, absolvierte ihr Gesangs- studium am Mozarteum in Salzburg mit Aus- zeichnung. Heute ist sie auf den großen Konzert- bühnen zu Hause. Trotz der Erfolge auf der großen Bühne liegt ihre Leidenschaft immer wieder auch in der Entdeckung und Wiederentdeckung von „vergessenem“ Lied-Repertoire. So liegt der Fokus des aktuellen Albums „Fantasie von übermorgen – Lieder im Exil“ auf vier deutschen Komponisten, die als Juden während der Nazizeit aus Deutschland flohen. Die im Exil von Paul Ben-Haim, Paul Dessau, Kurt Weill und Stefan Wolpe geschriebenen Kompositionen blieben weitgehend unbekannt – trotz ihrer aufrüttelnden Worte. Letztere stammen überwiegend von hebräischen Dichtern und reichen bis ins 7. Jahrhundert n.Chr. zurück.

Die CD ist das dritte Album von Constance Heller, das sie gemeinsam mit Pianist Gerold Huber einspielte, nach „Mignons Sehnen – Lieder von Hans Sommer“ (2018) und „Fahrt in die Welt – Erich Kästner in Liedern und Chansons von Edmund Nick“ (2016). Gerold Huber ist ein gefragter Begleiter. Als Kammermusiker spielt er regelmäßig mit dem Artemis Quartett und dem Henschel-Quartett, mit Reinhold Friedrich und Maximilian Hornung.

Für die aktuelle CD konnten die beiden Künstler Dagmar Nick, eine der wichtigsten deutschen Lyrikerinnen nach 1945, gewinnen. Die heute 95- jährige schrieb die Zwischentexte sowie die biblischen und historischen Erläuterungen und übersetzte die hebräischen Liedtexte ins Deutsche.

NO-TE: Wie haben Sie die Lieder gefunden?

Constance Heller: Hierfür habe ich zusammen mit Frau Nick lange recherchiert. Die Lieder von Ben- Haim wurden uns vom Israel Music Institute zur Verfügung gestellt. Bei den Wolpe-Liedern wurden wir in Amerika fündig. Über die Entdeckung der Lieder der ersten Pioniere bin ich besonders froh. Diese haben wir durch einen glücklichen Zufall antiquarisch über eine Gebrauchtnotenbörse in Kanada entdeckt, wo alter Bibliotheksbestand verkauft wurde. Und bei den Liedern von Alexander Boskovich, der 1964 verstorben ist, hat uns dessen Witwe Miriam Boskovich, mit der ich seit einigen Monaten per Email Kontakt habe, sehr geholfen. Frau Boskovich hat auch dafür gesorgt, dass das Lied DUDU, welches mir besonders am Herzen liegt, vom Israel Music Institute extra für Gerold Huber und mich als Klavierfassung eingerichtet wurde.

NO-TE: Haben Sie eine besondere Beziehung zur jüdischen Kultur und ihre Musik?

Constance Heller: Ich habe Israel, dieses faszinierende Land, in meiner Jugend auf einer Studienreise kennengelernt. Die Musik dieses Landes hat für mich immer schon einen besonderen Zauber gehabt. Ich liebe den Klang der hebräischen Sprache, gerne höre ich z.B. auch Chansons von Arik Einstein, von dem es übrigens eine hebräische Version von Boskovichs DUDU gibt. Gerne höre ich z.B. auch Pop-Musik der Band El Hameshorer, die ein wunderbares Album mit Bialik-Vertonungen veröffentlicht haben, besonders gut gefällt mir El Hameshorers Version von Bialiks Gedicht „Bat Yonim“. Chaim Nachman Bialik, der in Israel als Nationaldichter gefeiert wird, ist auch auf unserem Album bei einigen Liedern als Textdichter vertreten. „Bat Yonim“ von Bialik, vertont von Paul Ben-Haim z.B., haben wir mit dem deutschen Titel „Hinter dem Tor“ in unserem Programm.

NO-TE: Wie kam es, dass die Texte zu diesen Liedern auf Hebräisch waren und erst jetzt ins Deutsche übersetzt und präsentiert werden?

Constance Heller: Diese Frage möchte ich am Beispiel der Lieder von Paul Ben-Haim beantworten. Paul Ben-Haim hat vor seiner Flucht im spät- romantischen Stil komponiert und Gedichte von Goethe, Mörike, Heine, Joseph von Eichendorff und Hugo von Hoffmannsthal vertont. Im Exil suchte er nach einem neuen Klang und vertonte neben biblischen Texten Gedichte jüdischer Schriftsteller dieser Zeit. Durch die Sängerin Bracha Zefira hat Ben- Haim sephardische, bucharische, jemenitische und auch arabische Melodien kennengelernt, die dann in seine Musik eingeflossen sind. Extra für unser gemeinsames Projekt hat die Schriftstellerin Dagmar Nick, wie ich finde, wunderbare deutsche Textfassungen dieser Lieder erstellt.

NO-TE: Haben Sie eine besondere Verbindung zu den vier Komponisten? Was schätzen sie an ihnen?

Constance Heller: Ich schätze an den fünf Komponisten auf unserem Album, dass jeder auf unterschiedliche Art eine ganz eigene, besondere Klangsprache entwickelt hat mit vielen musikalischen Einflüssen aus der neuen Heimat, die in die europäische musikalische Tradition eingeflossen sind.

NO-TE: Was ist das Besondere an den Liedern?

Constance Heller: Mit den Liedern in diesem Programm soll ein Zeichen für den Frieden gesetzt werden. Ich glaube auch, dass diese Lieder sehr gut mit deutschem Text klingen, da die deutsche ebenso wie die hebräische Sprache sehr facettenreich ist und man beim Singen viele Farben zeichnen kann.

NO-TE: Um was geht es in den Liedern?
Constance Heller: Das Thema Frieden zieht sich in unterschiedlichen Formen durch alle Lieder in unserem Programm. In vielen Liedern kann man die Dankbarkeit für das gerettete Leben spüren. Andere Lieder prangern die Schrecken des Krieges an, manche verweisen als Mahnung an ein historisches Zeitgeschehen, das die Vertonung dieser Texte sicherlich mitbestimmte, wie in dem Lied Hinter dem Tor. Hierzu zitiere ich zur Erklärung aus dem Booklet unserer CD: „Am 15. Mai 1939 erließ die britische Regierung ein Weißbuch. Es bestimmte, dass in den nächsten fünf Jahren nur noch 15.000 Juden pro Jahr nach Palästina, das damals britisches Mandatsgebiet war, einwandern durften. Zu Tausenden versuchten nun die von den Nazis Verfolgten Palästina noch auf dem Seeweg zu erreichen. Dabei wurden viele Schiffe auf der Überfahrt von der britischen Flotte aufgebracht und die Flüchtlinge als illegale Einwanderer auf die Inseln Zypern und Mauritius deportiert. Als im Herbst 1940 das britische Schiff Patria den Hafen von Haifa erreichte, nachdem es 1771 jüdische Emigranten von zwei anderen Schiffen (Pacific und Milos) übernommen hatte, erfuhren die Flüchtlinge, dass Palästina für sie gesperrt sei und die Patria sie nach Mauritius in ein Internierungslager bringen wird. Um das zu verhindern, griff am 25. November 1940 die Haganah – die jüdische Untergrundorganisation während des britischen Mandats, mit Hauptquartier in Haifa – rigoros ein und sorgte für eine gezielte Sprengung der Patria, um das Schiff manövrierunfähig zu machen. Dabei verloren 189 Menschen das Leben.“ Eine besondere Facette in unserem Programm sind die Lieder der ersten Pioniere. Hier handelt es sich um Volksweisen, die von verschiedenen aus Deutschland vertriebenen Komponisten bearbeitet und mit einem Klaviersatz versehen wurden und dadurch heute im Konzertsaal erklingen können. Diese Lieder beinhalten die Themen Landarbeit, Bäume pflanzen, Schafe hüten ebenso wie die Furcht vor feindlichen Überfällen und das Bitten um Schutz, wie es z.B. im Lied „Wir sahen uns ernten“ zu hören ist: „Mögen die Ernten uns doppelt gesegnet sein…“ und „Schützt eure Kornsammler während sie beten, wenn am Tag der Not der Feind erscheint…“

NO-TE: Wie aktuell sind die Themen der Lieder heute?

Constance Heller: Die Themen Flucht und Emigration sind, wie wir alle wissen, gerade in der heutigen Zeit wieder sehr aktuell.

NO-TE: Was waren besondere Herausforderungen bei der Interpretation der Lieder?

Constance Heller: Eine besondere Herausforderung war z.B. Stefan Wolpes Komposition Zum Frieden im Atomzeitalter, in dem Wolpe einen Text von Albert Einstein vertont hat. In Amerika erlebte Wolpe im August 1945 das weltweite Entsetzen über den Abwurf der ersten Atombombe. Als Präsident Truman im Januar 1950 ankündigte, dass die USA eine noch verheerendere Waffe, die Wasserstoffbombe, bauen werden, schrieb Einstein einen mahnenden Beitrag an Eleanor Roosevelt, die zu diesem Thema eine Fernsehsendung vorbereitete. Dieser Beitrag von Einstein stand am nächsten Tag in der New York Times. Als Wolpe diesen Text las, hat er sich sofort entschlossen, diesen Artikel, der wie eine Rede aufgebaut ist, zu vertonen. Beim Singen dieser Komposition ist es meiner Meinung nach wichtig, bei der Interpretation den Charakter von Einsteins aufrüttelnder Rede beizubehalten. Ich habe diesen Text beim Üben immer erst gesprochen, dann erst gesungen, damit der richtige Sprechgesangsausdruck entstehen kann. Ähnlich habe ich übrigens auch Wolpes Lied Fantasie von übermorgen mit einem Text von Erich Kästner einstudiert.

NO-TE: Gab es für sie bei der Einstudierung und Aufnahme besonders glückliche oder berührende Momente?

Constance Heller: DUDU ging allen Beteiligten natürlich besonders nahe.

NO-TE: Gab es einen bestimmten Anlass, die CD zu diesem Zeitpunkt herauszubringen?

Constance Heller: Gerold Huber und ich haben die Zeit im Corona-Lockdown genutzt, um dieses Programm zu erarbeiten. Es gibt in diesem Jahr auch ein schönes Jubiläum, was sozusagen ein glückliches zeitliches Zusammentreffen ist: Dagmar Nick feierte in diesem Jahr ihren 95. Geburtstag. Von ihr stammen die deutschen Textfassungen der Lieder und das wunderbare Booklet.

NO-TE: Wie passt Alexander Boskovich in die Reihe, der ja nicht Deutscher ist, sondern aus Siebenbürgen stammt?
Constance Heller: Auch er musste seine Heimat verlassen, weil er Jude war. Er hat im ostmediterranen Stil komponiert. In diesem Stil hat er das europäische musikalische Erbe mit mediterranen Einflüssen zu einer neuen charakteristischen Musiksprache verschmolzen. Besonders hervorheben möchte ich das Lied DUDU. Es betrauert einen jungen Mann, der im Unabhängigkeitskrieg bei der Verteidigung der Nordgrenze Galiläas gefallen ist. Das Lied DUDU wurde zu einer Hymne. Boskovich wanderte 1938, mit 31 Jahren, nach Palästina aus und zählt zu den hervorragendsten Komponisten der Neuen Isra- elischen Musik. Deswegen dürfen seine Lieder in diesem Programm nicht fehlen.

NO-TE: Sie selbst treten an den großen Opernhäusern dieser Welt auf. Was mögen Sie an dem viel intimeren Rahmen der Liedereinspielungen als Solistin?

Constance Heller: Sehr beglückend ist für mich, dass bei einem Liederabend der Kontakt mit dem Publikum viel direkter ist. Man kann gerade in einem kleinen Konzertsaal mit ein paar hundert Besuchern jedem in die Augen schauen und bekommt die Reaktion des Publikums während des Singens spürbar mit, was sehr inspirierend ist. Auch ist man bei einem Liederabend als Sänger viel mehr gefordert, man singt in einem Liederabend ja auch meist viel länger als bei einer Opernaufführung, in der man ein Teil einer großen Erzählung ist.

NO-TE: Was schätzen Sie an der Zusammenarbeit mit Gerold Huber?

Constance Heller: Er hat eine besondere gestalterische Kraft und ist natürlich ein großartiger Pianist. Wir haben außerdem gemeinsame musikalische Interessen, auch ihm sind die „Vergessenen Komponisten“ ein Herzensanliegen..

www.constance-heller.de